Bilderbücher für eine bessere Entwicklung
- 27. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Projekt „Buchstart“ der Bürgerstiftung und Bibliotheksgesellschaft setzt mit Förderung bei den Jüngsten an
Von Gunther Meinrenken

Celle. „Die Lesekompetenz der Kinder nimmt leider nachweislich ab.“ Das hat Regina Haut, ehemalige Grundschulleiterin und stellvertretende Vorsitzende der Bürgerstiftung Celle, festgestellt. Und die Bürgerstiftung unternimmt bereits seit Jahren etwas gegen diesen negativen Trend. Seit 2008 läuft zusammen mit der Bibliotheksgesellschaft Celle das gemeinsame Projekt „Buchstart“ des Hamburger Trägervereins „Seiteneinsteiger“, dem sich die Celler anschließen durften. Dabei geben Kinderärzte kostenlos ein Bilderbuch zur Kinderfrühuntersuchung U 6 (10 bis 12 Monate) sowie einen Gutschein für ein weiteres Buch aus der wohnortnahen Bibliothek an die Eltern heraus.
Eine dieser Kinderärztinnen ist Freya Soetbeer-Breuer, die in Lachendorf eine Praxis betreibt. Auch sie hat beobachtet, „dass sich insbesondere die sprachliche Entwicklung vieler Kinder verändert hat. Manche Kinder verfügen über einen kleineren Wortschatz oder haben Schwierigkeiten, Gefühle und Erlebnisse sprachlich auszudrücken“. Bücher könnten hier einen wichtigen Beitrag leisten, da sie den Spracherwerb, das Ausdrucksvermögen und den Wortschatz fördern. „Gleichzeitig regen Bücher die Fantasie und Vorstellungskraft an. Kinder können in andere Welten eintauchen und lernen, sich intensiver mit Geschichten und Situationen auseinanderzusetzen“, so Soetbeer-Breuer.
Gemeinsame Bucherlebnisse hätten zudem eine sehr positive Wirkung auf die Bindung zwischen Eltern und Kindern. „Das gemeinsame Lesen oder Anschauen von Bilderbüchern schafft Nähe, Aufmerksamkeit und emotionale Zuwendung. Viele Kinder erleben Bücher dadurch als etwas sehr Positives“, sagt die Kinderärztin.
Die Ursachen für die Entwicklungsverzögerungen seien vielfältig „und auf keinen Fall ausschließlich auf das Nichtlesen oder den mangelnden Zugang zu Büchern zu beziehen. Kinder wachsen heute in einer sehr schnelllebigen und stark medial geprägten Welt auf. Digitale Medien bieten oft eine schnelle Form der Unterhaltung, ersetzen aber nicht die sprachliche und emotionale Interaktion, die beim gemeinsamen Lesen entsteht“, betont Soetbeer-Breuer.
Dabei seien gerade gemeinsame Erfahrungen wichtig für die Entwicklung von Sprache, Konzentration und emotionalen Kompetenzen. „Bücher bieten Kindern die Möglichkeit, Erlebnisse und Gefühle zu verarbeiten“, ist Soetbeer-Breuer überzeugt.
Bücher könnten zudem helfen, Kinder auf neue Situationen vorzubereiten – etwa auf einen Arztbesuch – und Ängste spielerisch abzubauen. „Kinder, die dieses nicht oder weniger erfahren, sind gegebenenfalls mit neuen Situationen überfordert, fügen sich nicht ein und entwickeln Verhaltensauffälligkeiten“, hat die Kinderärztin festgestellt.
Nach Ansicht von Soetbeer-Breuer setzt das Projekt „Buchstart” genau an der richtigen Stelle an. „Bereits während der Vorsorgeuntersuchungen erleben wir häufig, dass die Kinder das geschenkte Buch sofort gemeinsam mit ihren Eltern anschauen. Diese positive Erfahrung motiviert viele Familien, auch zu Hause häufiger Bücher anzusehen oder vorzulesen. Eigentlich schaut sich jedes Kind gerne Bücher an“.
Das gemeinsame Lesen fördere nicht nur Sprache und kognitive Entwicklung, sondern schaffe auch emotionale Nähe. Kinder erlebten Aufmerksamkeit, Zuwendung und gemeinsame Zeit mit ihren Eltern. „Das ist ein wichtiger Schutzfaktor für eine gesunde Entwicklung“, sagt Soetbeer-Breuer.
Zudem zeigten Studien, „dass Kinder aus Haushalten mit vielen Büchern häufig eine positivere sprachliche und kognitive Entwicklung aufweisen. Deshalb ist frühe Leseförderung ein wichtiger Beitrag zu Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit“, sagt die Kinderärztin.
„Buchstart bringt das Bilderbuch in die Familien – auch in mehrsprachige – mit einjährigen Kindern. So erfahren schon die Kleinsten, dass Vorlesen und Zuhören Spaß machen können. Wir denken, dass das Interesse an Büchern die Sprach- und Lesekompetenz verbessert“, stellt Regina Haut fest und kündigt an, dass das Buchstart-Team den Kreis der „Multiplikatoren“ erweitern möchte. So könnten Berufsgruppen, die mit jungen Kindern und deren Eltern in Kontakt kommen, die Relevanz von Sprach- und Lesekompetenz für die Gesamtentwicklung des Kindes ansprechen und an dem Programm teilnehmen. „Förderung der Lesekompetenz und damit Sprachkompetenz sind ein Schwerpunkt der Bibliotheksgesellschaft“, sagt Silke Wachsmuth-Uhrner, Vorsitzende der Bibliotheksgesellschaft Celle. Gleichzeitig würden dadurch die öffentlichen Bibliotheken in Stadt und Landkreis Celle unterstützt und gefördert.
Um weiterhin die Aufmerksamkeit für die Bedeutung von Lesen und Sprachentwicklung hochzuhalten, plant das Buchstart-Team am Sonntag, 16. August, ein Bilderbuchpicknick im Französischen Garten. Familien mit kleinen Kindern können sich Bilderbücher anschauen, die die Bibliotheksgesellschaft in großer Auswahl präsentiert.
Quellenangabe: Cellesche Zeitung vom 04.07.2026, Seite 10



