„Die Welt zu einem besseren Ort machen“
Aktualisiert: 9. Okt.

Festakt zu 20 Jahren Bürgerstiftung: Celles Superintendentin Andrea Burgk-Lempart spricht über das Ehrenamt
Vor 20 Jahren wurde die Bürgerstiftung Celle gegründet. Am Freitag, 9.Oktober 2026 feiert die Institution diesen Geburtstag mit einem Festakt in der Stadtkirche. CZ-Redakteur Gunther Meinrenken sprach im Vorfeld der Veranstaltung mit Celles Superintendentin Andrea Burgk-Lempart über die Bedeutung von Ehrenamt in der heutigen Zeit.
Welche Verbindung gibt es zwischen Ehrenamt und Kirche?
Burgk-Lempart: Ohne Ehrenamt wäre Kirche nicht denkbar. Es gibt zum Glück viele Menschen, die sich engagieren, sich für Projekte und das Miteinander in der Gemeinde und damit für andere einsetzen. Das Schöne ist: Wie im Gottesdienst kommen bei der ehrenamtlichen Arbeit oft Menschen zusammen, die sich privat so nie treffen würden. Das heißt: Ich komme aus meiner privaten Blase heraus, bewege mich in einem anderen Umfeld und kann so durch den Kontakt mit anderen zu Einsichten kommen, die ich sonst vielleicht nicht gewinnen würde.
Das Ehrenamt als Schmelztiegel der Gesellschaft?
Bei der ehrenamtlichen Arbeit können Beziehungen auch generationsübergreifend zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft entstehen. Jedenfalls, wenn es gut läuft, wie zum Beispiel beim Granfluencer-Projekt der Bürgerstiftung oder bei den Leselernhelfern. Solche Projekte schaffen Verbindungen, machen sensibel für die Themen anderer Generationen und stärken so die Gesellschaft. Gerade in der heutigen Zeit finde ich das enorm wichtig. Die Individualisierung hat stark zugenommen, ebenso die Versingelung und Vereinsamung von Menschen. Die sozialen Medien erhöhen den Druck, sich selbst möglichst makellos zu präsentieren. Ehrenamtliches Engagement trägt dazu bei, sich stärker als Teil einer Gemeinschaft zu begreifen.
Andererseits ist es erstaunlich, wie viele Menschen sich ehrenamtlich engagieren
Ich war selbst auch überrascht, als ich mich jetzt zur Vorbereitung des Festvortrags zum Jubiläum der Bürgerstiftung intensiver mit dem Thema beschäftigt habe. Der Freiwilligensurvey der Bundesregierung aus dem Jahr 2024 zeigt, dass 36,7 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren ehrenamtlich aktiv ist. Das sind etwa 27 Millionen Menschen. Und es ist vor allem die Altersgruppe bis 50 Jahre, die sich besonders stark einsetzt. Viele der Befragten haben angegeben, dass sie ihr Engagement unbedingt fortsetzen wollen. Und das allen Widrigkeiten zum Trotz. Ehrenamtliche Arbeit macht nicht immer Spaß, aber das schult die Frustrationstoleranz. Man lernt hoffentlich, nicht alles gleich hinzuwerfen, wenn es mal Ärger oder Auseinandersetzungen geben sollte.
Welches sind Ihrer Meinung nach die Hauptmotive der Ehrenamtlichen?
Ich habe in den letzten Tagen Menschen gefragt, warum sie sich engagieren. Die Motivation ist sehr unterschiedlich. Einige geben an, dass sie nicht nur Zeit und Arbeit investieren, sondern auch viel zurückbekommen, andere sagen, ihnen mache ihre ehrenamtliche Arbeit einfach Spaß. Schön fand ich auch, dass einige davon sprachen, dass ihnen in ihrem Leben viel Gutes widerfahren sei und sie jetzt etwas davon zurückgeben wollten. Manche empfinden es sogar als Pflicht, andere Menschen nicht im Stich zu lassen. Das ist sehr kostbar und gar nicht hoch genug zu schätzen, dass viele Bürgerinnen und Bürger etwas zum Zusammenleben beitragen, sei es bei der Bürgerstiftung, in der Kirche oder anderen Vereinen und Institutionen.
Ehrenamt macht die Welt besser?
Die Theologin Dorothee Sölle hat einmal gesagt: „Da kann man nichts machen“ sei für sie der gottloseste Satz. Ich glaube, dass jeder etwas zum Guten beitragen kann. Gerade angesichts der aktuellen Erfahrungen von Krieg und Klimawandel fühlen sich viele Menschen ohnmächtig. Keiner von uns kann alleine die Welt retten, aber es ist nun auch nicht so, dass wir gar nichts tun könnten. Wir können die Welt, auch hier ganz konkret in Celle, gemeinsam zu einem besseren Ort machen. Dabei ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure in der Stadtgesellschaft für mich wichtig, eine gute Vernetzung. Denn jeder bringt unterschiedliche Ressourcen ein. Es geht weniger um Konkurrenz um das Gute als vielmehr um Kooperation für das Gute. Das geschieht hier in Celle in einigen Bereichen, in anderen ist noch Luft nach oben.
Welche Rolle spielt dabei im lokalen Rahmen die Bürgerstiftung Celle?
Die Bürgerstiftung geht mit wachem Blick durch die Region und schaut, was sie fördern kann. Ich finde den Ansatz bemerkenswert, Ideen von anderen zu fördern. Die Bandbreite ist erstaunlich, sie reicht von Bewegungsangeboten für Kinder über Musik und Theater bis hin zu generationsübergreifenden Projekten. Die Bürgerstiftung ist sensibel für Themen, die in unserer Gesellschaft zu kurz kommen, wie zum Beispiel Bewegung und künstlerische und musikalische Bildung. Oder die Stärkung der Lesekompetenz von Kindern. Ich hoffe sehr, dass sie ihre Arbeit noch viele Jahrzehnte fortsetzen kann. Jetzt gratuliere ich aber erst einmal zum 20-jährigen Jubiläum und freue mich auf den Festakt am Freitag in der Stadtkirche.
Quellenangabe: Cellesche Zeitung vom 09.10.2026, Seite 9



